Die Probefahrt

Ich war gerade 17 und durfte noch nicht alleine Autofahren. Oma und Opa waren in meinem Führerschein als Begleitung eingetragen. Sie planten einen Besuch in Münster. Da Opa nicht mehr so gut gucken konnte, soll ich sie fahren. Oma aber meinte, es müsste geübt sein.

So kam es, dass ich zum ersten Mal mit Oma fahren musste, sie wollte zum Nachbarort um Einzukaufen. Ich fuhr das Auto von der Scheune zur Haustür. Kurze Zeit später kam Oma und stieg ein, wir fuhren los. Bereits an der Hofausfahrt bemängelte Oma, dass ich nicht lange genug geguckt hätte. Ich war völlig unbeeindruckt und blieb cool. Aber Oma nörgelte weiter, mal war ich zu schnell mal zu langsam. An der einen Kreuzung wartete ich zu lange, an der nächsten nicht lang genug. In mir fing es an zu brodeln. Auf den Augenwinkeln sah ich wie sie vor jeder Kurve mit dem rechten Fuß auf eine imaginäre Bremse trat. Es fiel mir immer schwerer, ruhig zu bleiben.

Endlich kamen wir am Supermarkt an. Ich suchte eine Parklücke und fuhr rein. Das ist doch viel zu weit weg, kritisierte sie mich sofort. Ich suchte die nächste Parklücke, die sich glücklicherweise direkt neben dem Eingang befand. Das ist viel zu eng, wie soll ich hier den aussteigen, schrie sie prompt. Auf meiner Stirn bildeten sich die ersten Schweißtropfen. Ich wusste einfach nicht wie ich ihr irgendwas recht machen konnte. Ich fuhr aus der Parklücke raus, ließ meine Oma aussteigen und parkte das Auto in einer großen Parklücke in hoffentlich angemessener Entfernung.

Als guter Enkel schob ich Omas Einkaufskorb nach ihren Wünschen kreuz und quer durch den Supermarkt. Sehnsüchtig dachte ich an meinen PC zuhause. Endlich konnten wir uns auf den Rückweg machen, die Einkäufe sicher im Kofferraum verstaut.

Der Rückweg gestaltete sich nicht angenehmer. Oma bremste kräftig mit. Die nächste Doppelkurve nahm ich geschmeidig mit 50 km/h. Das war zu viel. Meine Oma hielt sich mit beiden Händen verzweifelt an den Haltegriffen fest, ihr rechter Fuß fest am Boden verkeilt und ihr hoch roter Kopf drohte zu platzen. Schimpfen konnte sie nicht mehr. Überglücklich lieferte ich meine vollkommen erschöpfte Oma zuhause ab. Sie schlich ins Haus, die Einkäufe brachte ich ihr nach.
Es war unsere erste gemeinsame Fahrt und sollte bis heute auch die Einzige bleiben. Denn nach diesem Ausflug beschloss Oma, nie wieder einen Fuß in ein Auto zu setzen, wenn ich der Fahrer wäre und fragte meine Tante, ob sie sie nach Münster fahren könne.