Farbenmeer

Blau. Blau. Rot. Silber. Schwarz. Grau. Grün. Rot. Magenta. Schwarz. Schwarz. Grau. Blau. Silber.
Ich zähle die Farben... zehn blaue, vier rote, sechs silberne, elf schwarze, drei graue, drei grüne und ein Magenta farbenes. Eine Kreuzung voller Farben. Farbenmeer. Zehn Minuten unterwegs, so viele Farben. Ablenkung. Ich höre hin. Sie streiten immer noch. Stau. Endloses Warten. Ein grünes Auto kommt dazu. Vier grüne Autos.

Ein Klingeln. Er geht an sein Handy. Kurzes Schweigen, ein „Hallo?“. Kurze Pause, dann ein leises Zustimmen. Sie bleibt stumm, fragt nichts, fährt einfach weiter. Konzentriert. Er legt auf. Ihre Konzentration verschwindet. Sie fangen wieder an zu diskutieren. Ich schaue weiter nach den Farben der Autos, zähle sie. Zwei Minuten, meine Lust auf Autofarben zählen schwindet. Ich starre aus dem Fenster. Schaue nach vorn. Ampel. Grün, Orange, Rot. Übersehen. Einfach weiter gefahren. Von der Seite ein Hupen. Ich schau hin. Ein Mann, roter Kopf. Er wedelt mit seinen Armen, schreit. Kann ihn quasi hören „Pass doch auf!“. „Willst du uns umbringen?“, Papa schreit Mama an. Nicht zufrieden. Wird noch verärgerter. Sie entschuldigt sich. „Das kannst du dir sparen.“, sie streiten weiter. Unaufmerksam. Fast den Fahrradfahrer übersehen. Papa schreit. Es klatscht, ich kneife die Augen zu und schaue weg. Geschlagen. Mama rollt eine Träne über die Wange. Stoppschild. Übersehen.

Vollbremsung. Ich fliege in den Gurt. Papa brüllt. Mama weint. Zehn Sekunden Stillstand, dann fährt sie weiter. Nicht ihr Tag.
Papa? Knallrot, glüht vor Wut. Schaut aus dem Fenster, sagt nichts mehr.
Mama? Weint, sieht verzweifelt aus. Starrt auf die Straße.
Ich sitze da, unbeachtet. Fühle Angst.
Die Farben verschwimmen. Regen. Gelb und Violett kommen dazu. Zwei gelbe, ein violettes. Grauer Himmel. Buntes Treiben. Farbenmeer.

Fast da, maximal 5 Minuten noch. Hoffentlich hören sie dann auf. Mag nicht, dass sie streiten. Den ganzen Tag schon. Ich höre hin. Sie werden lauter. Beide Köpfe knallrot, vor Wut. Er hat was Falsches gesagt. Beide sind sauer. Starren sich an. Beleidigungen fliegen durchs Auto. Konzentration? Keine da. Habe Angst, große Angst. Ein Klingeln. Er schaut aufs Handy, nicht seins. Sie schaut, geht ran.
Papa schreit weiter. Mama schreit mit. Schreit beide an, ihn und das Handy. Er wird leise. Sie redet normal, entschuldigt sich. Ein kurzer Moment Stille, dann lacht sie. Wird Papa zu viel, reißt das Handy weg, legt auf. Sie verreißt das Lenkrad. Einen Schwenker gemacht, nochmal gut gegangen. Wildes Gehupe im Farbenmeer.

Nicht unser Tag. Alle sauer. Mama schreit Papa an. Papa schreit zurück. Er starrt sie an, sie starrt ins Leere. „Schau auf die Straße!“, sie hören mir nicht zu. Fuchteln wild mit ihren Armen. Unfreundliche Gestiken. Böse Worte. Schläge. Weinen.

Grauer Himmel, Regen, nasse Straße, viel Verkehr, Streit, Unaufmerksamkeit.
Sie schaut auf die Straße. Doch nicht. Schaut auf was anderes. Entschluss gefasst.
Hält drauf zu. Habe Angst, riesen Angst. Sie fährt weiter, weiter drauf zu.
Auch Papa bemerkt was sie vor hat. Sagt nichts. Traut es ihr nicht zu.
Sollte ihr glauben. Ein Augenzwinkern, da ist der Baum. Zu spät. Schwarz.

Sirenen. Stimmen. Weiß nicht wie lang ich weg war. „Drei Personen, zwei Erwachsene, ein Kind“ mehr höre ich nicht. Ich starre sie an, Mama und Papa, sie sind still.
Das bunte Farbenmeer ist verschwunden, sehe nur noch rot.