Feierabendverkehr

14 Uhr. Erster Feierabendverkehr.
Die ersten Arbeitstätigen saßen in ihren Wagen und fuhren nach Hause, zum Einkaufen oder sonst wo hin.
Es war nicht üblich, dass ich zu dieser Zeit im Auto saß, ich hatte eine Monatskarte und fuhr jeden Tag mit Bus und Bahn zur Schule. Doch heute hatte ich mich beim Sport verletzt und wurde daher von meinem Vater abgeholt. Er saß am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Meinen Kopf hatte ich gegen die Scheibe gelehnt, ich konnte das vibrieren des Motors spüren.
Noch ging es gut voran, kein Stau, die Straße war Zweispurig.
Und dann hörte ich es schon wieder. Ein Klingeln mit Melodie und ich sah den genervten Ausdruck auf dem Gesicht meines Vaters. Er nahm eine Hand vom Lenkrad, griff in seine Jackentasche und holte sein Handy heraus.
„Was ist denn?“ fragte er noch gequält ruhig. Meine Mutter hatte immer ein schlechtes Timing für Anrufe. In der spannendsten Szene des Film, beim Haare waschen oder wie in diesen besonders schlimmen Fällen; beim Autofahren. Ich sah auf die Straße, links und rechts die Autos. Unser Wagen schwankte nur minimal, blieb auf der Spur, doch es reichte um mir Angst zu machen.
Mein Vater hasste Leute, die ständig beim Autofahren telefonierten, es war gefährlich und ein großer Anteil der Unfälle, die jährlich geschahen, wurden unter anderem durch Telefonieren am Steuer verursacht. Er tat es selber nur selten, nur, wenn meine Mutter oder meine Schwester anrief. Es könnte ein Notfall sein.
Jedesmal, wenn sie anrief, stieg in mir die Angst hoch. Mein Vater brauchte sich nur, wie bei vielen ihrer Gespräche, aufzuregen und er wäre abgelenkt. Er war ein guter Autofahrer, doch auch er hatte schon Unfälle gehabt, es kann immer passieren.
„Ja okay, ich fahr grad' Auto, bis später.“ Er legte auf und wollte sein Handy wieder in seiner Tasche verstauen.
Sie würde mit Sicherheit wieder anrufen und das Risiko, dass er wütend wurde und nicht aufpasste, wurde größer.
„Gib es mir, falls nochmal jemand anruft“ sagte ich somit. Es war logisch und sicher. Mein Vater drückte mir sein Handy in die Hand und ich behielt es dort.
Ich fühlte mich sicherer, da ich nun wusste, dass mein Vater sich einzig und allein auf den Verkehr vor ihm konzentrierte.
Mit einem leichten Lächeln legte ich meine Stirn erneut an die Fensterscheibe und spürte das leichte vibrieren des Motors.